Ein Neuanfang

Während mein Gewicht sich gerade auf 84 kg eingependelt hat, und ich damit seit fast einer Woche kämpfe, hat sich zumindest an der Arbeitsfront was getan. Ich habe meinen Job gehasst. Die Fahrerei, die Arbeit an sich, die Arbeitszeiten, der Lohn hat auch nicht gepasst, einfach alles. Es hat mir auch nicht geholfen, dass meine Koleginnen nett, und meine Chefin verständnisvoll waren. Ich war einfach total unglücklich. Und nach meiner Freundin: dick macht, was unglücklich macht, habe ich das geändert.

Okay, ich werde wieder nicht in dem Beruf arbeiten den ich gelernt habe, aber es ist kein hirnloser Job mehr, wo man nur hingeht und seine Arbeit macht. Da muss man mitdenken. Man hat Kundenkontakt, also auch Interaktion. Lange hatte ich darüber nachgedacht, dass es vielleicht nicht schlecht ist keine Menschen zu sehen. Aber das bin ich halt nicht. Man kann mal ne zeitlang sich abschotten, was hirnloses machen wo man nicht nachdenken muss. Jedoch nach einer gewissen Zeit ist es dann auch mal wieder gut. Mein ganzes Leben war ich in der Gastronomie oder als Dienstleister unterwegs. Immer auf das Wohl der Kunden bedacht. Habe mit ihnen Lösungen ausgearbeitet.

Als ich mich damals vor 5 Jahren entschloß mir die Haare grün zu färben war das ein riesiger Schritt. Es war riskant und gewagt. Ich hatte immer schon gefärbte Haare. Meist in Henna oder sonstwie rot. Also immer leuchtend und auffällig. Grün ist jetzt doch ein heftiger Cut gewesen. Mein damiliger Chef nahm es mit Humor. Und auch, als ich dort kündigte und eine neue Herausforderung suchte, fand ich sehr schnell etwas. Ich dachte, ich könnte die Welt aus den Angeln heben. Alle Vorurteile die ich gegen meine Mitmenschen hatte, dass sie einen nur nach dem Äußeren beurteilen war falsch.

Dann kam Corona. Und mit dieser Seuche veränderte sich plötzlich alles. Okay, für mich erschwerend kam hinzu, dass meine Farbe aus Great Britain kam, und ich über einen Monat hätte warten müssen. Also färbte ich um, und wurde lila.

Ich fand die Farbe supertoll. Ich wurde seltener angesprochen, weil sie nicht so knallig wie das grün war, und auch in meiner Umgebung bemerkte ich, wie sich einige die Haare in ähnlichen Farben färbten. Klar, es war Lockdown, und man hatte entweder keinen Job, oder war in Kurzarbeit. Da sind die Chefs dann tolerant.

Jetzt ist ein Jahr um, und was soll ich sagen: mal wieder habe ich nach einem Job gesucht. Diesmal war es schwer. Dank Corona kann ich nicht in die Gastronomie zurück. Auch in anderen Bereichen wie Einzelhandel oder Fließbandarbeit wird nur zögerlich eingestellt. Kann ich verstehen, denn keiner weiß was die Regierung als nächstes beschließt. Noch ein Lockdown und man ist wieder ohne Job bzw. die Chefs müssen halt entlassen oder in Kurzarbeit schicken. Das will keiner.

Lange Rede kurzer Sinn, ich hab mich seit über einem Monat auf unterschiedlichste Stellen beworben. Ganz vorsichtig, mit Sinn und Verstand. Nur das, was ich wirklich machen möchte. Und ausschließlich Sachen, wo ich mir sicher war, dass die schon offen haben und so schnell nicht wieder schließen. Egal was passiert. Schließlich hatte ich Zeit. Es bewirbt sich leichter, wenn der Streß nicht da ist, Arbeit finden zu müssen. Aber diesmal wollte mich niemand einstellen. Meiner Chefin war das nur recht. Ich aber haderte mit meinem Schicksal, überlegte, ob ich nicht gebildet genug, jung genug, flexibel genug bin.

Beim Blick in den Spiegel wurde ich dann aber kritisch: vielleicht liegt es garnicht an mir. Kann es sein, dass Menschen besser sehen, als denken können? Ist es tatsächlich möglich, dass Arbeitgeber mittlerweile so arrogant geworden sind als Stellenbeschreibung m/w/d zu schreiben, aber dann doch den Stereotypen einstellen der weniger kann und weiß, nur weil er nicht aus dem Rahmen fällt? Corona hat das Schlechteste in den Menschen hervorgebracht. Neid, Mißgunst, Faulheit, Lügen, Betrug, Gewalt. Nicht, dass die Leute da draußen nicht immer schon so gewesen wären. Man kann es verstecken – eine zeitlang – aber dann kommt es mit Wucht wieder ans Tageslicht, und überschattet die ganze Fassade die man jahrelang aufgebaut hat.

Also habe ich einen Beschluß beschlossen, der mein Leben verändern sollte: ich nehme ab, und reihe mich damit in die Riege der Dünnen und Erfolgreichen ein. Denn Sex sells, und wenn Männer die Welt regieren, wollen sie dünne Frauen sehen. Keine kleinen, intelligenten Dickerchen, die zwar mehr auf dem Kasten haben, aber ihrem Auge nicht schmeicheln. Es gibt bestimmt Ausnahmen. Aber leider habe ich es selten anders erlebt. So lange Männer die Wahl haben, und sich zwischen mehreren Frauen entscheiden sollen, wird immer die dünne Blondine den Job bekommen. Egal ob sie dümmer, arbeitsunwilliger oder gar unqualifizierter ist. Ich war viele Jahre dünn. Und ich hatte nie Probleme einen Job zu bekommen. Erst als ich dicker wurde fingen die an. Was soll ich da von der Arbeitswelt halten?

Ich komme vom Thema ab. Eigentlich wollte ich über Diät und Essen schreiben. Aber es geht um viel mehr. Denn wenn das Umfeld stimmt, und man sich wohl fühlt, fällt es leichter so etwas durchzustehen. Man braucht nicht unbedingt einen Personal Trainer der einen jeden Tag schindet. Meist kann man sich selbst genug motivieren. Wenn man allerdings, so wie ich, jeden Tag vorm Spiegel steht, und sich selbst hasst, dann ist alles super schwer.

Deshalb mein Entschluß: noch ein letztes Mal färben. Ich ging also in den Supermarkt und stand vor dem riesigen Regal voller Haarfarben. Was sollte es werden? Blond steht mir nicht, zu intensiv darf es nicht sein, schön unauffällig. Graue Maus könnte klappen. Leider habe ich mit mittlerweile 45 Jahren immer noch keine grauen Haare. Also fiel grau aus. Grau färben geht garnicht. Auch dieses silber, was so modern ist – ganz übel. Sieht bei manchen echt super aus, bei mir kann ich mir das allerdings nicht vorstellen. Also eher nein!

Für mich hieß es: back to the roots! Ich bin die einzige in unserer Familie mit roten Haaren. Die habe ich von meiner Oma. Da Kinder grausam sind, wurde ich immer Hexe genannt, was mich total störte. Viele Jahre kämpfte ich dagegen, dann wieder beschäftigte ich mich mit Okkultismus, fand rote Haare super, und die Assoziation mit Hexe. Jetzt bin ich erwachsen, glaube weder an Magie, noch an Einhörner. Trotzdem wurde es dieses warme

Herbstrot. Es kommt meiner natürlichen Haarfarbe am nächsten. Noch ein Vorteil: keine Ansätze mehr färben. Ich fuhr also zu meiner besten Freundin (die Frisöse ist) und bat sie um Rat. Wir mischten zwei Farben, und voilà, so siehts jetzt aus. Ich war zufrieden, meine Freundin glücklich, mein Freund sehr verwundert. Als der Mann meiner Freundin reinkam prallte er zurück: „was hast du gemacht? wo sind deine schönen Haare?“ Klar, wenn man mich nur mit grün oder halt lila kennt, ist das dann doch Kontrastprogramm. „So brav“ meinte eine andere Freundin. Ja, genau. Brav. Ziel erreicht.

So klappts auch mit den Arbeitgebern. Noch am selben Tag Fotos gemacht, Bewerbung geschrieben. Das war Samstag. Montag kam schon ein Anruf, Dienstag Bewerbungsgespräch, und jetzt habe ich einen Vertrag und fange am 01.05. dort an zu arbeiten. Nein, ich bin nicht enttäuscht oder wütend. Und nein, ich bereue es kein Stück die Haare gefärbt zu haben. Ja, ich habe mich den Konventionen unterworfen. Den gegebenen Umständen angepaßt. Aber genau das macht mich aus: ich bin wandlungsfähig. Ich sehe Trends und reagiere darauf. Das ist ein Talent. Das unterscheidet mich von den Anderen. Ich weiß das. Meine Freunde wissen das. Und alle Anderen unterschätzen das. Ihr Fehler!

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